Presse

Tier

schotte

Fiete

Krösus

Presse

‍Fanzine: a.d.s.w. nr.7 - 02/84

‍In letzter Zeit hat eine Band aus Hannover auf sich aufmerksam gemacht, und da ich bisher noch keine Storie von ihnen in irgendeinem zine gesehen habe hier also jetzt die Storie.

‍Es handelt sich um Blut & Eisen, das sind 4 jungs aus Hannover, die zuvor in schon so legendären Hannoveraner Kombos wie den Aristocats (77-79) und den Cretins (die Ja auch eine geniale, längst vergriffen Ep auf No-Fun Rec. gemacht haben) gespielt haben. Nun, irgendwann danach wurde dann mal Blut & Eisen gegründet und es wurden zahlreiche Gigs gespielt.

‍Übrigens, der Bandname bezieht sich auf einen recht bekannten Auspruch unseres ersten Reichskanzlers, Herrn Otto von Bismarck, das eben die großen Entscheidungen der Geschichte nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse gefällt werden, sondern nur durch Blut+Eisen. Die Texte von B+E sind zuweilen recht lustig, keine Phrasenschreierei, andererseits wird aber auch der nötige "Ernst" nicht vernachlässigt. Bisher gibt es bereits auch B+E auf Vinyl zu bewundern, sie sind mit 2 Songs auf'n "Keine Experimente" Sampler von Weird System aus Hamburg drauf..Mit "Es war alles umsonst" liefern sie den besten Song des Sampler ab, originell und lustig. Der Song handelt von den Qualen eines Jünglings, dem sein Mädchen stiften gegangen ist. Der 2. Song "W.S.W.U.F." (Worüber Sollen Wir Uns Freuen), ist härter und fast genauso gut. Demnäxt wollen B+E eine Lp auf WeirdSystem rausbringen (leider im Boots Vertrieb), aber langweiliger Weise jetzt die Kohle aus der Lp einzustecken, haben B+E beschlossen, vom Gewinn eine Single auf WeirdSystem zu machen. Das zeigt wohl, das die Leute von B+E vorrangig an ihrer Musik interressiert sind, und nicht an der Kohle. Es wird die erste Single von WeirdSystem werden, und das besondere, die Single wird nicht von Boots vertrieben, sondern das ganze Risiko trägt die Gruppe alleine , so daß die Single nur von Weird System und B+E vertrieben wird. Die Single wird so Anfang März 84 erscheinen, die beiden Stücke sind 1. ":Fleisch Rollt" +2. "W.S.W.U.F." das erste Stück ist überhaupt noch nicht veröffentlicht worden (und es soll angeblich das beste B+E Stück sein), das 2.ist ja leider schon auf'n Keine Experimente Sampler. Beide Stücke sind natürlich nicht auf der dieser Tage erscheinenden Lp drauf, wo ich schon 4 Songs von gehört habe, scheint ganz gelungen zu sein, aber ich weise nochmal darauf hin, im Boots-Vertrieb, damit keiner sagen kann, A.D.S.W. unterstützt Boots. die Musik von B+E lässt sich vielleicht als melodiöser Hardcorepop definieren (ich kenn aber nur 6 Stücke von ihnen, hoffentlich habe ich da nix falsches geschrieben). Wer eine B+E Single haben will, sollte sich an Weird System, Lange Reihe 101,2000 Hamburg wenden (5.-+Porto ???.ich glaube, das kostet sie, weiß es aber nicht sicher).zum krönenden (?) Abschluß noch der B+E Wahispruch:

‍"Hart zu sich selbst, gegenüber anderen"

‍Spanisches Fanzine: - 02/85

‍BLUT AND EISEN son de Hannover (Alemania), y tienen un LP titulado "Schrei Doch., un single llamado "Fleisch Rollt", dos temas en el "Keine Exerimente vol.1. I.,' y un tema en el single "Dachau disco". (que comparten con los Cretins). A continuacion un reportaje que nos envi6 Matt de W. S.

‍"Los cuatro miembros de Blut and Eisen tocaban an varias bandas locales, en Hannover, su ciudad, antes de formar la banda en 1982. Desde entonces han hecho alrededor de 60 conciertos en todas partes de Alemania, incluyendo que han tocado Junto a bandas como D.O.A. o Adicts, donde ganaron muchos seguidores en Alemania, mas tarde se beneficiaron de la aparicion de su album "Schrei Doch!., a principios de este ano, el cual fue el segundo disco Punk aleman mas vendido en 1984. Otros discos realizados por la banda son sus dos canciones en el "Keine Experimente vol1", su single "Fleisch Rollt". (realizado en una edicion muy limitada) y su nueva pieza en el single "Dachau Disco.. " Una cosa que les hace especialmente populares es su actitud de cantar cosas serias, a menudo politicas, sin caer en la rutina de las viejas canciones sin sentido del humor,' que son las responsables de la mucha mierda que hay en la escena punk actual. Blut and Eisen no hacen versiones, solo canciones propias, entre veinte y veinticinco, dependiendo el numero de como se encuentren frente al publico." 

Hannoversche Allgemeine Zeitung - 11/85

Neues von den Punkrockern der ersten Stunde

Mausetot? Von wegen!

Die "Cretins" und "Blut & Eisen" mit neuen Platten

Es muß arm um das aktuelle Popmusikgeschehen bestellt sein. Denn wie anders läßt es sich erklären, daß die deutsche Rockgazette "Musikszene" in ihrer aktuellen Ausgabe den Februar 1976 zum Geburtsmonat des Punk-Rocks erhebt? Da herrscht offenbar akuter Mangel an Titelgeschichtswürdigen Themen. So bastelt man sich eben einen Jubilar, dessen Mütter und Väter vor zehn Jahren allenfalls mit dem Gedanken an eine Rockrevolte schwanger gingen. In Hannover gründete sich das Gros der Punkbands in den Jahren 1978/79, also zu einem Zeitpunkt, als in England die Protagonisten die Bewegung bereits für mausetot erklärten.

Zu diesen Bands der ersten Stunde gehörten "The Cretins", die Anfang 1984 nach dreijähriger Pause wieder zusammenfanden und seitdem mit Plattenveröffentlichungen von sich reden machen. Michael Reimann (Gesang/Gitarre), Frank Bekedorf (Bass), Thomas Klembt (Schlagzeug) und Neuzugang Andreas Bartels (Gitarre) hatten allerdings mehr im Sinn, als Erinnerungen an die wilden Tage ihrer Jugend im Übungsraum aufleben zu lassen. Mit der Single "Dachau Disco" zogen sie einen Schlußstrich unter ihre Pogo Phase, in der noch drei Akkorde reichten, die Fans zum Tanzen zu bringen, und Gitarrensolos schwer verpönt waren. Nach mehreren Samplerbeiträgen liegt nun die erste Mini -LP der neuen Cretins vor, in limitierter Auflage (weißes Vinyl) beim Hamburger Label "Weired System" erschienen. Locker geschlagene Rhythmen, ein ausgeprägter Sinn für Melodien, die frische Stimme Michael Reimanns und der Verzicht auf jede Art von Studiospielereien lassen die sechs Songs zügigst ins Ohr gehen. Zumindest bei einem Stück ("Check Your Visions") ist gar eine deutliche Vorliebe für den Glitter Rock in Art von "The Sweet" herauszuhören, ein überaus zeitgemäßer Stilmix also.

Cretins Schlagzeuger Thomas Klembt trommelt auch auf der zweiten LP von "Blut + Eisen", die ebenfalls bei "Weired System" zum Jahresanfang erschienen ist, dort allerdings einen Zacken schneller, denn das hannoversche Quartett steht mit seiner Musik in der Amk-Tradition der amerikanischen Spielart.

Ihr Hochgeschwindigkeits-Rock wird immer wieder durch Tempostops und abrupte Breaks gebrochen, allzu melodische Passagen werden systematisch demontiert und gegen den Strich des bequemen Konsums gebürstet. Sänger Schotte quält sich mit düsteren Visionen von einem alptraumhaften Deutschland, wie sie Kafka nicht schlimmer ersinnen könnte. Fröhliche Anarchie, wie sie die Muster-Punks "Tote Hosen" praktizieren, ist nicht die Botschaft von "Blut + Eisen". Kollaps, der Schockzustand, ist das viel-benutzte Psychobild. Das Quartett beweist, daß das Thema Punk noch längst nicht ausgereizt ist, geschweige denn zum Erinnerungsseeligen Jubelfest taugt.

Plattentip: The Cretins: Man Between The Walls" (Weired System/EfA).

Blut + Eisen: ". . . schön geseh'n" (Weired System/EfA). 

K.A

Musikmarkt (Plattenkritik /85)

Blut + Eisen" . .. SCHöN GESEH'N"

(Weird System)

Dieses Jahr geht gut los, jetzt gefallen mir schon zwei deutsche Platten über die Maßen (die andere ist von S.Y.P.H.):

Blut +Eisen ist eine Punk/Heavy Band aus Hannover, die bei aller Highspeed-Aggro nicht sehr lange still halten kann, ohne einen gerade auf eine Art begonnenen Song, völlig umzuwerfen, immer auf der Suche nach Extremen, ohne daß die Band je auf Ersatz-Extreme hineinfällt, also einfach nur dick auftragen würde. (Dazwischen sind auch schöne Melodien). Bereits der LP-Titel, eine klassische Sportreporter-Bemerkung, kündet von den Fähigkeiten von Blut + Eisen sich vorhandene Sprachen zunutze zu machen ("Auf, Auf, Ruft Mord durch die Gassen"), ihreSongtitel sind leicht schiechter ("Die16 Schläge bis zum Hirnkollaps") und das Collagenhafte Einarbeiten von Unterbrechungen, Dramatisierungen, Stimmen und Außengeräuschen aller Art, immer zu Höchsttempo-Punk (oder nenn man das heute Speed-Metal?) zwischen Motörhead Eater und einigen Momenten der Dead Kennedys, runden eine begeisternde, harte, völlig richtige Hardrock-Platte ab.

Mehr davon! Wie man früher sagte.

Diedrich Diederichsen 

Hannoversche Allgemeine Zeitung - 26/02/87

Tip der Woche: "Blut & Eisen" im Bad

Dreht Euch nicht um / Die Mädchen gehn um / Wer sich umdreht oder lacht / Wird von Ihnen totgemacht" ("Wumm'). In einem anderen Titel der ersten, Blut & Eisen LP wird der Punk-Frontkämpfer Harry vorgestellt, nicht als tolle Hecht, sondern eher als armer Wurm "Das Hemd verschwitzt / Die Birne voll / So steht er da / Und fühlt sich toll". 

Auf der zweiten LP ". .. Schön Geseh'n", dem Motto ihrer 85er Spanien-Tournee, sind die Texte geschliffener, beschreiben aber wieder den alltäglichen Horror, das plötzliche Umkippen des Normalen in tiefe, dunkle Abgründe Die Worte sind teils blutrünstig, teils nüchtern-lakonisch, aber zumeist packend und originell.

In seinen neuen Songs will sich Schotte, der Schreiber und Intelektuelle der Gruppe, auch bei Kästner, Brecht oder dem Lyriker Paul Celan bedienen. Und diese klugen, gewitzten Zeilen hallen bei Pogoschlachten durch die kahlen Punkverließe wie das im UJZ Kornstraße. Mit Mißverständnissen bei Fans, die "Harry" als glorifizierendes Stück abfeiern, und bei den Medien, die sie häufig zur "Fascho-Band" abstempeln, haben "Blut & Eisen" jedenfalls in

den fünf Jahren ihres Bestehens leben gelernt. Wer in einer harten Welt lebt, muß diese auch in einer harten Sprache beschreiben, meint Schotte.

Die hannoversche Band hat sich auch musikalisch weiterentwickelt. Nach dem schlichten Pogo-Galopp des Erstlings "Schrei Doch" hat "Blut & Eisen" auf der mit einem Hyronimus-Bosch-Gemälde verzierten Nachfolge-LP Brüche eingefügt und auch sonst eifrig an den Arrangements gefeilt, ohne dabei das stilistische Planquadrat zwischen Gitarren-Attacken und Staccato-Gesängen zu verlassen.

"Blut & Eisen" haben ihre Erfolge vor allem außerhalb Hannovers. Eine befreundete amerikanische Fotografin hat ihnen angeboten, eine US-Tour zusammenzustellen. In Barcelona bekamen die vier von enthusiastischen Fans das Cover einer Raubpressung gezeigt, die erst anschließend im Konzert mitgeschnitten werden sollte. Auch Szenepapst Diedrich Diedrichsen ist voll des Lobes ("eine begeisternde, harte, völlig richtige Hardrock Platte...").

Dennoch ist die Band längst nicht mehr so zusammengeschweiþt wie früher. Von ihrem Hamburger Label "Weird System", das vom Debut Album 4000, vom zweiten 2000 Exemplare absetzte und sich sonst wenig um das Quartett kümmerte, ist "Blut & Eisen" enttäuscht. Außerdem haben alle vier Bandmitglieder gegenwärtig noch viele andere Sachen um die Ohren - mehrere spielen in anderen Combos, Schotte baut ein Studio auf, und Bassist Krösus hat trotz seines Namens arge Finanzprobleme und muß kräftig malochen gehen.

Von daher ist es durchaus möglich daß eine der aufregendsten hannoverschen Bands der letzten Jahre morgen abend im BAD ihr letztes Konzert gibt.

rze













Friend or Foe (Blog), 26. SEPTEMBER 2007


BLUT & EISEN - schrei doch LP


BLUT & EISEN were one of the best early punkbands from hannover or maybe germany. their first lp "schrei doch" was/is quite different to all that other early german punk-stuff, because they had their unique style and they were very fast... not because they just wanted to be fast... they were able to play fast. the sound is really good for a record of that period.


on this record are so many excellent tracks. the lyrics were also different to the usual punk-lyrics... more cryptic.


this lp was released on one of the best and long-time-running labels in germany: WEIRD SYSTEM. it was first released in 1984, but it´s still available as a repress with the original cover artwork and inlay. so if you like it (i bet you will) than get it.


the band was founded in 1982 and split up in 1987. in 2002 they played one show at the 30th anniversary of the UJZ GLOCKSEE in hannover.

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #82 (Februar/März 2009)

Inteview BLUT + EISEN / CLOSEDUNRUH

Stephan Zahni Müller vs. Tier

Eine Punkband nach dem Verfallsdatum?


Im Dezember 2008 spielte sie wieder Konzerte, jene Band, deren Alben „Schrei doch“ von 1984 und „Schön geseh’n“ aus dem Jahr 1985 als Klassiker des deutschsprachigen Punkrocks gelten und deren Auftritte immer hart und „gefährlich“ waren. Seinerzeit, Anfang der 80er, hatte ich mit meiner Band NEUROTIC ARSEHOLES ein paar Gigs zusammen mit BLUT & EISEN gespielt, in Minden, Döhren und Berlin. B&E sollten allen Menschen, die auf „guten und echten“ Deutschpunk stehen, auch heute noch ein Begriff sein. Immer mal wieder hatte ich während der letzten 20 Jahre Kontakt zu Thomas „Tier“ Wolff, dem Drummer der Band. Ich kenne viele, mich eingeschlossen, die meinen, es hätte niemals einen besseren deutschen Punk-Schlagzeuger gegeben, und sein Spiel als „legendär“ bezeichnen. Meist ging es bei diesen Begegnungen um Musik, manchmal waren es aber auch unspektakuläre Begegnungen auf irgendwelchen Lidl-Parkplätzen oder in Fußgängerzonen. Und da inzwischen wieder einige Jahre ins Land gezogen waren, schien mir die Gelegenheit günstig, ein Gespräch mit ihm über eben jene Auftritte, B&E allgemein und sein anderes, weitaus langlebigeres Projekt, CLOSEDUNRUH, zu führen. Wir trafen uns einen Tag vor Weihnachten im Jahr 2008 in seiner Wohnung.


Wie läuft es mit CLOSEDUNRUH? Ich habe gehört, dass Ox-Kollege Casi gerade eine Single von dir veröffentlicht hat.


Mit CU läuft es nach wie vor gut, ich mache das jetzt ja seit 1980, bringe immer wieder Sachen raus und habe wohl an die tausend Songs, Fragmente und Montagen gemacht. Die Single, die du angesprochen hast, ist eine gemeinsame Produktion von Tier Wolff und Carsten Vollmer und heißt „De-Montagen“ – sie hat nichts mit CLOSEDUNRUH zu tun. Zu dieser Single gibt es auch noch eine Bonus-CD mit 14 Tracks, die auch alle in der gleichen Phase entstanden sind. Casi und ich, wir sind uns nie zuvor begegnet und auch danach haben wir uns nie gesehen. Die ganze Sache lief über E-Mail- und Briefkontakt. Das Ergebnis war für uns eine völlig neue und intensive Erfahrung. Ich hatte bisher noch nicht das Glück, auf dieser Ebene so intensiv und angenehm entspannt mit jemanden zu arbeiten. Inzwischen haben Casi und ich auch schon mal telefoniert.


Wie würdest du die Musik, die ihr macht, bezeichnen? Gibt es eine „Szene“?


Wir machen Elektronik/Noise/Industrial und Experimentelle Musik. Bezogen auf Hannover gibt es bei „Silke Arp bricht“ eine Art „Szene“, dort kann man immer gut auftreten und es kommen eine Menge Leute, die diese Musik hören. Und Casi macht des Öfteren was im Zwischenfall in Bochum.


Trittst du alleine auf, wenn es zu einem Gig kommt?


Ich mache die Songs hier zu Hause alleine, schreibe die Texte und mache die Musik. Live suche ich mir dann immer wieder unterschiedliche Musiker, je nachdem, mit wem ich gerade zu tun habe oder wer mich als Musiker inspiriert. Die Besetzung bei CU für die Live-Auftritte wechselt ständig. Ich möchte die Songs mit verschiedenen Menschen ausprobieren und habe bei CU auch keine Lust auf dieses typische „Band-Ding“. Live sind wir meistens zu viert auf der Bühne. Wir arbeiten mit einem Rhythmus-, Geräusch- und Soundplayback, drei Leute spielen dazu verschiedene elektronische Instrumente und ich singe meine Texte. Außer der Tatsache, dass es keine feste Besetzung gibt, hat CU auch keinen festen Musikstil. Manchmal mache ich langsame, düstere Endzeitelektronik – „Tödliche Strahlen“, „40 Jahre“, „Der Ermordete“ –, dann wieder produziere ich völlig schräge und schnellere Songs – „Stein aus Strom“, „Preis und Leistung“, „Betäube deine Sinne“ – oder auch quälende Zeitlupennummern wie „Im Grausamen“, die sich über zehn Minuten hinziehen und auch als Klagelieder verstanden werden können. CLOSEDUNRUH ist eine Aufforderung; eine Folge von scheinbar unabänderlichen Übertragungen; ein seltsamer Wahn mit überreizten Fantasien und Ausdrucksformen in eigentümlicher Atmosphäre. Parallel zu CLOSEDUNRUH habe ich noch ein experimentelles, elektronisches Instrumentalprojekt OHRGINAL, welches sich aus der CU-Instrumentalphase 1999 entwickelt hat. Für das Jahr 2009 sind sowohl Auftritte als auch Tonträger von CLOSEDUNRUH geplant.


Wie vertreibst du deine Musik hauptsächlich?


Meine Tonträger werden hauptsächlich von E-Klageto produziert und vertrieben, dem Label meiner Frau Anke. Der Vertrieb funktioniert über das Internet und über befreundete Labels. Es werden nie mehr als ein paar hundert Tonträger hergestellt. Da bewegt sich auch nichts in dem Rahmen, dass du auf dein Konto guckst und sagst „Hallo, da sind ja wieder 1.000 Euro.“. Das ist wirklich absoluter Underground.


Stichwort BLUT + EISEN-Reunion. In der Originalbesetzung?


Originalbesetzung, ja. Am 18.12. haben wir im SO36 gespielt, da war leider nicht so viel los, ich vermute mal, das lag an unserem Auftritt am 28.12. beim „Punk im Pott“, welches zum ersten Mal in Berlin stattfand. Zehn Tage vorher BLUT+EISEN mit der Vorband D.I.S. für relativ hohen Eintritt, wenn es die Band kurz darauf im großen Package gibt, das war schon ein wenig unglücklich. Es waren so 50 bis 60 Leute da, die hatten allerdings eine Menge Spaß und wir auch.


Wie kam es zu der Reunion?


Es war ein Vorschlag von mir, auch aufgrund von regelmäßigen Nachfragen von interessierten Leuten. Und so haben wir uns im März 2008 getroffen, geprobt und gesagt, wir probieren das mal aus. Übrigens immer noch in dem Proberaum von „damals“.


Wann hattet ihr seinerzeit den letzten Gig mit B+E?


Das muss Anfang 1986 gewesen sein, ich weiß gar nicht mehr genau, wo der war. Ungefähr ein Jahr nach der „offiziellen“ Auflösung haben wir noch einmal zufällig in Berlin gespielt, das ist in meiner Chronologie auch der letzte Auftritt von B+E. Es sollten die KYBERNETIX aus Hannover in Berlin spielen. Deren Sänger Steiny hatte sich einen Straßenkreuzer gemietet und ist auf der damals noch vorhandenen Transitstrecke hängen geblieben. Der kam gar nicht in Berlin an. Aber es sollte eine Band spielen und wir vier waren alle vor Ort und haben dann unseren letzten B+E-Gig gegeben. Ohne Probe und alles, auch heute noch geht das mit den Songs bei uns sehr schnell. Okay, ich hatte zu Anfang ein paar Probleme mit dem Tempo, aber dann fährst du halt Fahrrad, machst ein bisschen Sport und dann geht das wieder. Es war erstaunlich, nach den Konzerten in Hamburg und Berlin kamen viele junge Leute zu uns und waren völlig wie vor den Kopf gehauen, nach dem Motto: „Ihr alten Herren kommt hier an und legt hier ein Programm auf den Tisch, also ...“ Die waren echt angenehm überrascht. Der Gig in HH fand im Hafenklang statt, 300 Leute und die Stimmung war unfassbar. Wie damals. Ich hätte nicht gedacht, dass die Leute so abgehen.


War das Publikum gemischt? Wie empfindest du die Szene heutzutage?


In Hamburg ja, auch überraschend viele junge Leute. In Berlin waren „ältere Menschen“ anwesend, auch ein Typ aus der Tschechoslowakei, der kam extra angereist, um B+E zu sehen, das war schon witzig. Bezogen auf die Szene, naja, wenn ich von dem Gig in HH ausgehe, hat sich für mich nichts verändert. Das sah für mich wirklich so aus, als wäre die ganze Geschichte von einer Generation in die nächste getragen worden.


Läuft es noch ab wie früher: Alkohol, Soundcheck, Gig, Alkohol, dann ab auf eine Matratze und weiter?


Nein. Für uns ist ganz klar: wenn wir Auftritte machen, nehmen wir dafür Geld, wollen ein gutes, konzentriertes Set abliefern und möchten auch eine vernünftige Unterkunft. Mich einfach in einen Keller legen, das habe ich nicht mehr drauf, haha! Wir haben das ja auch alles jahrelang mitgemacht. In Berlin waren wir in einer Art Jugendherberge. Es geht ja im Prinzip auch nur darum, dass es warm ist, dass es nicht von der Decke tropft – dann sind wir alle zufrieden. Stell dir vor, du bist auf einer Tour, fünf Gigs in Folge, dann holst du dir am zweiten Tag was weg und kommst am dritten Tag nicht mehr auf die Bühne.


Wie geht es weiter nach den Gigs im Dezember 2008?


Wie es 2009 weitergeht, wissen wir noch nicht. Es steht die Frage im Raum, „Was wollen wir eigentlich noch machen?“ Anfragen sind da, und aus meiner Sicht ist das Ganze auch kein Revival, sondern schon mit der Absicht, auch eine dritte Scheibe zu machen. Im Moment spielen wir allerdings nur die alten Sachen, wir haben zwar eine „neue Nummer“, „Jeder gegen jeden“, die haben wir seinerzeit nach „Schön geseh’n“ gemacht, die bringen wir ab und zu. Ansonsten spielen wir beide Alben komplett durch!


Hängt die neue Platte davon ab, ob ihr weiter und dann häufiger spielt?


Irgendwie schon, zumindest für mich. Für mich ist eine neue Platte verbunden mit einer anschließenden Tour. Ganz klar. Was soll sonst eine neue Platte? Die kann ich mir dann schön in den Schrank stellen. Außerdem bin ich eine „Bühnensau“, wie man so schön sagt. Ich will raus. Das ist viel wichtiger und viel interessanter, als im Studio zu sein und neue Songs aufzunehmen. Obwohl das heutzutage grundsätzlich ja schon ziemlich einfach ist. Jeder hat einen Computer, da kann man ja eigentlich schon fast alles machen. Bei uns kommt dann noch hinzu, dass wir mittlerweile die Möglichkeit haben, uns selbst in gewohnter Umgebung und ohne Zeitstress aufzunehmen.


Wie war das Gefühl untereinander? War das gleich wieder da? So wie „früher“?


Nein, absolut nicht. Es war erst einmal schwierig, weil jeder von uns mittlerweile etwas anderes macht beziehungsweise gemacht hat. Es liegen verschiedene und lange Wege hinter uns, und so oft haben wir uns in den letzten 20 Jahren ja auch nicht gesehen. Jeder ist geprägt von seinem Leben, das macht sich bemerkbar. Damals war es so „Hau rein is’ Tango, eins, zwei, drei, vier“, es war klar, was gemacht wurde. Heute ist das nicht mehr so klar. Die Ansprüche sind auch höher, Du kannst Schotte zum Beispiel auch nicht mehr jeden Text hinlegen und der nickt ihn dann ab.


Das heißt, die Ansprüche an euch selbst sind gewachsen?


Absolut. Saufen vor den Gigs fällt jetzt beispielsweise fast völlig flach. Früher gab es eigentlich kein Konzert, wo wir nicht unter Strom standen. Bei mir persönlich war es teilweise auch besonders heftig. Es gab Konzerte, die konnte ich nicht wirklich durchziehen, da bin ich vom Hocker gekippt. Heute hält sich das absolut im Rahmen, da werden vielleicht mal ein oder zwei Bier getrunken – ich trinke inzwischen allerdings gar nicht mehr. Ein Gig von uns läuft heutzutage sehr routiniert ab. Wir spielen auch anders. Wir sind alle besser geworden an den Instrumenten, das hörst du auch. Das ist alles viel straighter und intensiver. Man bleibt halt nicht stehen und ich fühle mich besser dabei. Auf dem Gig in Hamburg habe ich Karl Nagel – MILITANT MOTHERS, APPD – getroffen, der sagte, es wäre sehr überzeugend und sehr geradeaus gewesen, aber ihm fehlte dieses Unkontrollierbare, die Ausbrüche, die es früher bei uns gab. Ja gut, aber wir spielen den Kram heute so. Wenn es damals Ausbrüche gegeben hat, dann waren die nicht geplant, das waren totale Blackouts. Und ich weiß, was er meint. Aber du gehst weiter, ich verstehe und sehe die Dinge heute anders als früher. Ich spiele Parts anders und bewusster, weil ich viele Sachen jetzt, im Gegensatz zu früher, einfach spielen kann, technisch gesehen. Vom Musikalischen und auch vom Persönlichen her habe ich heute viel mehr das Bedürfnis, einen Gig gut über die Bühne zu bringen, den Leuten zu zeigen, was wir machen. Das war damals nicht so. Man war in einer Gruppe, hat die gleichen Drogen genommen, ist nach Berlin gefahren, hat sein Ding abgezogen, aber alles in so einem halb bewusstlosen Zustand. Heute ist das anders. Anfangs sind wir mit gemischten Gefühlen an die Sache rangegangen, aber nach dem Hamburg-Gig war uns sofort klar, dass es uns Spaß macht. Danach waren wir wie verändert. Das hat es gebracht. Wie es weitergeht, hängt davon ab, für was wir uns jetzt untereinander entscheiden können. Ich gehe mal davon aus, dass es in jedem Fall weitergehen wird, nur wie gesagt, ich hätte es gern ein bisschen strammer. Ich würde gerne das machen, was möglich ist. Es ist eine ganze Menge mehr möglich, wir müssen die Chancen nur wahrnehmen. Es gibt genügend Angebote.


Gab es einen besonders „durchgeknallten“ Gig, den ihr in den 80ern gespielt habt?


Ich kann mich erinnern, wir hatten damals einen Auftritt in München. Einen einzelnen Gig. Von Hannover da runter. Wir kamen da an, haben aufgebaut und so, sind dann noch was essen gegangen und waren dann im Backstageraum, inzwischen auch ziemlich voll. Und dann kam der Veranstalter rein und meinte: „Ihr könntet jetzt langsam mal auf die Bühne und spielen.“ Wir: „Ja, okay, alles klar!“ Wir auf die Bühne, hinter die Instrumente. Die Halle war ziemlich dunkel, du konntest nicht sehen, was da mit dem Publikum war, es war schon irgendwie komisch. Dann hatten die da auch noch eine Konfettikanone aufgestellt. Und jetzt kommt der Hammer: das Licht geht an, die Konfettikanone geht los – und es ist keiner da! Harharha! Im Ernst: keiner war da! Kein Schwein war da! Oben konnte man sich noch hinstellen, mit so einem Geländer, da standen drei Leute. Echt. Wir standen da wie die Deppen und, na gut, angezählt und los, haben da unser Programm gespielt. Haben auch unsere Gage gekriegt, alles. Auf dem Rückweg haben wir uns noch gefragt: „Was war mit dem Typen los? War das eine Privatveranstaltung für ihn oder was?“ Total abgefahren, das war auch keine kleine Halle, sondern so ein Teil, wo du mindestens 400 Leute reinkriegst. Leer. Das war total schräg. Das Härteste, was ich überhaupt jemals erlebt habe.

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #140 (Oktober/November 2018)

Interview BLUT + EISEN

Triebi Instabil vs. schotte

Punk ohne Verfallsdatum


BLUT + EISEN gründeten sich 1982 in Hannover in der Besetzung Schotte (voc), Fiete (gt), Krösus (bs) und Tier (dr). 1987 löste sich die Band auf. In der Zwischenzeit spielten sie jede Menge Konzerte und veröffentlichten mehrere Tonträger, darunter ihre erste LP „Schrei doch!“, die seinerzeit zum Dauerbrenner in meiner Anlage wurde. Ihr wütender, eigenständiger Hardcore-Punk, kombiniert mit zynischen, ätzenden Texten wirkt auch nach all den Jahren nicht altbacken, sondern ist einfach zeitlos. Deshalb ist es sehr erstaunlich, dass ausgerechnet die Scheiben von BLUT + EISEN noch nicht wiederveröffentlicht wurden. Darüber und wie es in den Achtzigern war, in einer Punkband zu spielen, unterhalten wir uns mit ihrem damaligen Sänger Schotte. 


Wie bist du auf Punk aufmerksam geworden und wann hat dich der Virus selbst erfasst? 


Das war wohl 1977, beim No Fun Festival in der Glocksee-Halle in Hannover. Da hat mir Rosa, der auch dort gespielt hat, eine Menge über Punk und „alles scheißegal“ erzählt, und ich dachte nur: Wow, das ist doch sowieso mein Ding. Da gibt’s noch mehr Leute, die so drauf sind. 


Gab es von deiner Seite aus von Anfang an die Idee, Musik zu machen? 


Na ja, erst haben wir in der Glocksee-Halle diverse Konzerte organisiert, meist Schülerbandfestivals und auch mal – ohne jegliches Vorwissen – selbst gespielt, später dann die ersten Konzerte im UJZ Kornstraße, alles Mögliche, was später dann Rang und Namen hatte. Da bot es sich dann irgendwann an, auch selber was zu machen, Zeit war ja genug vorhanden. 


Wer hatte die Idee, ausgerechnet ein Otto von Bismarck-Zitat als Bandnamen zu verwenden? 


Ich komme zwar aus Prollhausen, war aber viel mit Pädagogen und Sozialarbeitern unterwegs. Bei dem Hintergrundwissen sprang mir der Ausspruch von Bismarck, nicht durch Reden und Reformen würde die Welt, also der Mensch verändert, „sondern durch Eisen und Blut“, also durch Gewalt – doch bestätigend ins Auge, obwohl er aus einem anderen Kontext stammt. Und es war nicht der einfachste Bandname. Es gab viel Diskussionsbedarf auf Seiten der Linken und Althippies, ja, die gab’s damals noch zuhauf. Der Name hat also provoziert. 


Welche Einflüsse hattet ihr? 


Alles an Hardcore, Punk und so weiter von der großen und der kleinen Insel, Deutschpunk auch gerne. Bis zur Aufnahme von „Schrei doch!“ sahen wir uns in einer Reihe mit ZK. Das war dann aber doch anders. 


Hannover galt für viele in den Achtzigern als Punk-Hochburg – Chaostage, das UJZ Kornstraße, die Glocksee und so weiter. Wie hast du die Szene damals empfunden? Wart ihr eher in der Korn oder in der Glocksee, wo ihr euren Proberaum hattet? 


Da gab es einen regen Pendelverkehr von allen Bands, die in der Glocksee probten, und in der Korn feierten oder spielten. Ansonsten war damals echt viel los in Hannover für Punks und Anhang, und wenn nicht, haben wir eben was losgemacht. Da ging zu der Zeit einiges. Es gab Konzerte in den Glocksee-Kellern, bei Demos auf Anhängern, selbst in Straßenbahnen wurde gespielt, mit abwechslungsreichen Zwischenspurts ... 


Exzessiver Alkohol- und Drogenkonsum in der Punk-Szene – war das der Grund für euren Song „Harry“? 


Na ja, „Harry“ ist ein spezieller Song. Da Tier und ich uns meist mehr oder weniger gemeinsam um die Texte gekümmert haben, gab es eben die Idee, dass Fiete und Krösus auch mal einen schreiben sollten. Sie kamen dann auch mit den beiden ersten Strophen an, ich habe dann daran herumgeschnibbelt, eine dritte dazugeschrieben und – zack, fettich. Der Titel fand sich dann quasi, indem wir uns fragten, auf welchen unserer Kumpels das dann am ehesten passte. 


Euer Logbuch auf der Homepage verzeichnet zwischen 1982 und 1987 eine Menge Gigs. Wie wurden die Konzerte in einer Zeit ohne Internet organisiert? Und habt ihr es auch geschafft, mal im Ausland zu spielen? 


Irgendjemand rief eben an oder schrieb, oder fragte jemand anderen, der jemanden kannte, der was wusste. Und bei einem Gig wurden einem Zettel mit einer Telefonnummer zugesteckt. Oder andere Hannoveraner Bands fragten uns für ein Konzert an, wo sie schon spielten. Einmal mieteten wir uns einen Anhänger, fuhren bei strömendem Regen nach Frankfurt, fanden auch den Laden, wo wir auftreten sollten, der hatte auch auf, wusste aber nix von einem Konzert bei ihnen. Keine Telefonnummer von dem Typen, der da nur als schräger Gast bekannt war. Sie waren aber begeistert, und sicher könnten wir jetzt spielen. Aber ohne jegliche Anlage und mit zehn Gästen plus Telefonkette waren wir doch bedient und eher abgeneigt. 


Welche Aktionen, Peinlichkeiten, Konzerte sind dir in besonderer Erinnerung geblieben? Euer Gig im KuKoZ Paderborn 1984 wird dort kurz unter „Schrott“ gelistet – so schrottig fand ich euch gar nicht. 


Keine Ahnung, was da war. Schlechte Anlage, wir waren zu dicht, Schlagzeug kaputt oder was auch immer. Groß war die Anfahrt nach Andoain auf unserer „Spanientour“ mit TORPEDO MOSKAU. Wir kommen von Barcelona, quälen uns im Baskenland die Serpentinen hoch mit unglaublichen 25 km/h, kommen über den Berg, und was hören wir: die „Schrei doch!“-LP, obwohl wir noch einige Kilometer entfernt waren. Groß! Wahnsinnsleute da. Tolles Konzert, obwohl wir alle dermaßen fertig waren und die Anlage während des Konzerts Stück für Stück den Geist aufgab. Oder der Gig mit PETER AND THE TEST TUBE BABIES in der Zeche Bochum. Es gab keine Navis damals und wir haben uns total verfranzt. Viel zu spät angekommen, der Eintritt schon gelaufen, wir hinten rein, auf die Bühne, Schlagzeug und alles aufgebaut im Dunkeln, ohne Soundcheck einfach ab dafür, und dann ging das Licht an. 


Kannst du die Geschichte mit dem Ford Capri erzählen? Die Fotos dazu sind auf eurer Homepage zu sehen? 


In Kurzform: Silvesterparty in den Glocksee-Übungsräumen 1982, bis es um null Uhr eine Leuchtspurschießerei und so weiter mit den Indiego-Disko-Proleten gab. Das war schon heftig. Wegen Vollsuff bin ich dann zu Fuß nach Hause und habe den Wagen stehenlassen. Am nächsten Tag wollte ich dann den Wagen abholen, aber nix zu sehen. Er stand dann im Kellertreppenabgang zu den Übungsräumen. Total im Arsch. Die meisten Leute sind wohl noch irgendwie durch die Luftschächte nach draußen gekommen, bis auf Prick, der war zu dick. Nach einer Telefonkette kamen dann noch genug Leute, um ihn, also den Wagen, wieder herauszuziehen. Na ja, schade drum, das war mein zweiter und letzter Capri. 


Hast du das Gefühl, dass deine Texte immer noch aktuell sind? 


Ja, das sehe ich so. Warum auch nicht? Allerdings würde ich heute keine Tour nur mit alten Songs machen wollen, auch wenn es sicherlich Spaß macht. Da müsste schon was Aktuelles her, immerhin ist das ja eine Ewigkeit her, und seitdem gab es schon die eine oder andere Erfahrung und auch neue, noch frustrierendere Gedankengänge, die des Austausches bedürften. Aber wahrscheinlich wäre es dasselbe in anderen Worten. 


Gibt es Texte beziehungsweise Songs, die du so heute nicht mehr schreiben oder auch spielen würdest? 


Da fällt mir keiner ein. Ernst genommen haben wir uns sowieso nie. 


Ihr hattet euer Vinyldebüt auf dem „Keine Experimente!“-Sampler 1983 von Weird System und auch eure LPs und die 7“s sind dort erschienen. Wie ist der Kontakt zustande gekommen? Wie hast du die Aufnahmen zu euren LPs in Erinnerung? 


Hör mir auf mit Würg System ... Klar war es toll, dass wir die Platten machen konnten, aber dass die sich so benahmen, wie wir es von den Majors erwartet hätten, hätte nicht sein müssen. Ich weiß nicht mehr, wie der Kontakt zustande kam, aber wir mussten nach Hamburg, um in einem Übungsraum vorzuspielen. Das war irgendwie schräg. Im Studio wollten sie uns dann erzählen, wie es richtig geht. Seinen Namen wollte uns der Heiopei, den Mansur von Weird System mit angeschleppt hatte, nicht nennen, so nannten wir ihn Fischkopp. Das waren jeweils fünf stressige Tage, ohne Schlaf und Plan. Aber dafür hatten sie einen großartiger Mischer, Harris Johns, dem wir den Sound der ersten Platte zu verdanken haben, obwohl wir uns das alles etwas anders vorgestellt hatten. Das Booklet war ihnen dann zu teuer, und bezahlt haben sie uns fast ausschließlich mit Platten zum Verkaufen. Übrigens haben wir nach ihrer Aussage in den ersten Jahren nur circa 2.500 LPs verkauft ... Nach unserer Auflösung mussten wir noch eine Abrechnungsabtretung unterschreiben, wenn wir an den „letzten Verkäufen“ noch beteiligt werden wollten. Da gab es dann noch eine kleine Pauschale obendrauf. Nicht der Rede wert. Wir wussten es nicht besser, das kam erst später, als ich anfing, selbst zu produzieren. 


Es hat nach eurer Auflösung noch einige Releases von BLUT + EISEN gegeben, zum Beispiel die „Pogo poppt auf“-7“ auf Nasty Vinyl oder die CD „Eine Punkband nach dem Verfallsdatum!!“ auf Barbaren Musi. Wie sind die zustande gekommen? 


Das waren Bestrebungen von mir, altes Material – Vierspuraufnahmen mit dem Fostex X-15 – nicht gänzlich vergehen zu lassen. Nur so zum Spaß. Ich hätte uns verdammt gerne mal live oder auch im Studio gemischt. Das mache ich vielleicht noch mal mit den Aufnahmen von den Indiego-Konzerten aus der Glocksee, die wir mitgeschnitten haben. Da müsste man aber die Vocals noch mal draufsetzen, damit es halbwegs zu mischen ist. 


Ihr habt 1994 ein Konzert und dann noch mal 2002 zwei Gigs gespielt. Hast du sonst noch Kontakt zu den anderen Bandmitgliedern? Käme eine Reunion für dich infrage? 


Da hat sich dann doch rausgestellt, dass Tiers und meine Meinung über das Warum und Wie recht weit auseinandergehen. Wir haben es damals nicht für die Kohle getan, höhö, und sollten es heute nicht doch noch fleddern. Ich habe als Live-Mischer viele solcher Versuche gesehen und war nicht immer begeistert. Das Beste war eine Bielefelder Live-Karaoke-Band, die mehrmals im Café Glocksee in Hannover gespielt hat, wo dann zum Beispiel drei zierliche Mädels SLIME-Songs interpretiert haben. Das war ein Brüller. Vielleicht sollte ich mich da noch mal an die Aufnahmen machen. 


Die Chaostage 1984 in Hannover waren für viele ein einschneidendes Erlebnis. Wie hast du sie als Hannoveraner in Erinnerung? Welche Auswirkungen hatten die Chaostage auf die lokale Szene? Und wie ist das Video „Chaostage“ entstanden, auf dem ihr mit einem Song vertreten seid? 


Die Chaostage waren am Anfang eine lustige Sache. Nach den ganzen heftigen Demos mit allem Drum und Dran war es eine Freude, unsere Freunde und Helfer im Sommer in voller Montur inklusive Helm und Schild zu sehen, während wir wegen der verkaufsoffenen Samstage durch die Kaufhäuser zogen, ohne dass sie eingreifen konnten. Leider hat sich das ja in den späten Jahren in eine Selbstverstümmelung verwandelt. Schade eigentlich! Diese grässlichen Videos waren erste Versuche eines „Videokollektivs“, Musikvideos herzustellen. Wir trafen uns ohne Ideen und Plan in einer Fabrikhalle, hörten Übungsraum-Aufnahmen über einen Ghettoblaster ab, und hatten einigen Spaß. Das Ergebnis wirkte doch ernüchternd. 


Im Rückblick, wie war es für dich, in den Achtzigern in einer Punkband gespielt zu haben? 


Großartig! Es war eine Superzeit, davon kannst du lange zehren. Und heute spiele ich in keiner Punkband mehr. Keine Zeit mehr zum Abhängen und Spielen, und das, was ich jetzt noch für mich mache, werde ich zwar ins Netz stellen, aber wen kümmert’s? 


Was bedeutete Punk damals für dich – und wie ist das heute? Bist du heute noch involviert? 


Ich schraube mittlerweile im Theater am Ton rum, mixe zum Ausgleich und aus Freude die eine oder andere Band zusammen, das hat sich aber doch stark ausgedünnt. Das Beste am Punk war, dass einfach jeder sich trauen konnte, selbst was zu machen. 


Wie sieht es mit deinen früheren Bandkollegen aus? Machen die noch Musik, habt ihr noch Kontakt? 


Fiete wohnt jetzt leider weit weg, aber Krösus sehe ich öfter. Die haben immerhin länger Musik selbst gemacht als ich, und auch sehr gute Sachen – unter anderem mit Y-FRONTS. Aber auch bei denen ist es heute ruhiger geworden. 


Heute wird der Status von Musikerinnen stark diskutiert. Wie männlich/machistisch oder emanzipatorisch hast du die damalige Szene wahrgenommen? 


Macho grande. Das war immer so – nicht besser als in Prollhausen.


Triebi Instabil